Lettland, Wege zur Freiheit, Musik


Nachdem unser estnischer Ausflug eine Menge an alten Gefühlen von Freiheit, Unabhängigkeit und den damit verbundenen Hoffnungen hochgebracht hatte (es ist oftmals eine Zeitreise im Baltikum…), wollten wir dies mit Euch ein wenig teilen, damit Ihr die Geschehnisse im Baltikum vor 20+ Jahren vielleicht ein wenig besser nachvollziehen könnt. Keine Angst, das wird kein Heimatkunde- oder National-Unterricht, sondern eher eine Abfolge der historischen Ereignisse verbunden mit schönen, bewegenden und eindrucksvollen youtube-Videos. Also viel Spaß beim Nachlesen und Anschauen…

Da ja eine recht große Anzahl an Letten während der kommunistischen Besatzung nach dem Molotow –Ribbentrop-Pakt von 1941 (man geht von ca. 167.000 aus – http://www.atmina.unesco.lv/page/78) deportiert und meist annihiliert wurde, als auch durch die 200.000 geschätzten Kriegsflüchtlinge, ist die Anzahl der Letten in der lettischen Bevölkerung doch deutlich geschrumpft. Zu den “schlimmsten” Zeiten war das in Riga stellenweise knapp unter 50% (der Rest kam aus “Umsiedlungsprojekten” aus verschiedenen anderen Sowjet-Republiken). Dazu kam keine Meinungs-, Rede-, Glaubens- oder Religionsfreiheit, also die essentiellen Grundrechte der Menschheit. Das System war aufgebaut auf Unterdrückung, Angst, Repressalien, wobei der KGB und andere Instanzen maßgeblichen Einfluss zur Aufrechterhaltung des Status Quo hatten.

Aus diesem Grunde als auch zur Erreichung der Unabhängigkeit und Freiheit hat es in Lettland schon lange (auch vor der ersten Unabhängigkeit 1919) eine relativ große und aktive Bewegung dazu gegeben. Meist waren es Musiker, Schriftstelle und andere Intellektuelle, welche mit viel Witz, Verstand und durch Doppeldeutigkeit das Regime bloßgestellt und Ihre Meinung vertreten haben.

Ein klassisches Beispiel dafür ist das Lied “Dzimtā valoda” der Gruppe “Līvu”, welches 1986 sogar von den Fernseher-Zuschauern zur besten Musik des Jahres gewählt wurde. Das Pikante dabei ist, dass das Lied eben über die “Muttersprache” geht… (und das ist eben nicht Russisch gewesen). Es konnte nur gesendet werden, da man sich bei dem Text auf eine andere Sowjet-Republik beziehen konnte, wo das Lied auch bekannt war und es damit ein “Kulturaustausch” war… Tja, so lief das dann

Weiter ging es dann 1988 mit der Rockoper “Lāčplēsis”, welche ein Stück lettische Mythologie vertonte. Der Hauptdarstellt (der “Bärenzerreißer”) ist dabei der Beschützer Lettlands, dessen Kraft in den Ohren liegt. Durch einen niederträchtigen Verrat seines Mitstreiters kann der schwarze Ritter ihm die Ohren abschlagen, womit seine Kraft verfällt… Aber er hört noch und vielleicht wachsen Ohren wieder nach…

Die zumindest wichtigste Stelle ist frei durch Ursi übersetzt (Hut ab! Das würde ich mir dann nie zutrauen, schon gar keine Poesie…Cooles Smiley):

 

Das Land der Letten steht offen
Wie eine Ader, die zerrissen ist
Das Blut und die Kraft fließt raus,
Das Land der Letten steht offen.

Das Land der Letten steht offen,
Die Winde wehen rein und raus,
Reißen das Saatgut, reißen die Wurzeln,
Das Land der Letten steht offen.
Gekreuzigt an einer Wegkreuzung,
Von Kreuzeswinden durchweht.

Ein kleines Kind auf der Kreuzung
Wie die Zeit fließt der Sand durch seine Finger,
Das ist unser Leben, das ist unsere Freiheit.

Ein kleines Kind spielt auf der Kreuzung
Wie die Zeit fließt der Sand durch seine Finger.
Das Land der Letten steht offen
Ein kleines Kind spielt auf der Kreuzung
Wie die Zeit fließt der Sand durch seine Finger.

Das Land der Letten steht offen
Wie eine Ader, die zerrissen ist
Das Blut und die Kraft fließt raus,
Das Land der Letten steht offen.
Das Land der Letten steht offen.

Aber ein kleines Kind spielt auf der Kreuzung,
Unter Rädern der Wägen, unter Hufen, unter eisernen Füßen

Ein kleines Kind auf der Kreuzung
Wie die Zeit fließt der Sand durch seine Finger,
Das ist unser Leben, das ist unsere Freiheit.

Ruf mich lauter, Kindchen,
Ruf – ich kann noch hören
Ich habe noch eine Sprache und einen Namen,
Ruf mich, Kindchen!

Ruf mich lauter, Kindchen,
Ruf – ich kann noch hören
Ich habe noch eine Sprache und einen Namen
Aber ruft lauter!!!

Beim letzten Absatz wird bewusst nicht das Kind, sondern das Volk (Mehrzahl) per Imperativ gemeint

Danach kam dann 1988 eine weitere echte Ohrfeige für das System mit dem Lied “Manai Tautai (Palīdzi Dievs) ” von Ieva Akuratere. Neben dem Text, der schlimm genug war, kam dann, dass bei der Uraufführung in Liepaja der ganze Saal aufstand und mitsang – unter den Augen der stark vertretenen russischen Militärs, denen das wohl gar nicht gefiel

Meine Gedanken, nachts laufen sie viele Wege.
Nach vorne, zur Seite und nicht selten in Kreisen.
Meine Wurzeln, die fühle ich, die wachsen nicht richtig,
Sogar in einer fruchtbaren Erde biegen sie sich und siechen dahin

Mein Volk verkümmert an allen Enden der Welt,
Ohne eigenes Land kämpft es und teilt es sich.
Mein Volk verkümmert an allen Enden der Welt,
Sogar im eigenen Land wächst es nicht gut.

Hilf Gott, hilf Gott,
Dem ganzen Lettischen Volk,
Bring sie nach Hause zu den Ufern von Daugava,
Bring sie nach Hause.
Hilf Gott, hilf Gott,
Unserem Lettischen Volk,
Daß es bald Wurzeln schlagen kann in freien Boden von Lettland!
Daß es bald Wurzeln schlagen kann in freien Boden von Lettland!

Jeder Tag, der dem ganzen Lettischen Volk schmerzt,
Geteilt und getrennt klingt das Lied so traurig
Jeder Tag, der dem ganzen Lettischen Volk schmerzt,
Geteilt und getrennt, langsam erlischt uns das Feuer.

Hilf Gott, hilf Gott,
Dem ganzen Lettischen Volk,
Bring sie nach Hause zu den Ufern von Daugava,
Bring sie nach Hause.
Hilf Gott, hilf Gott,
Unserem Lettischen Volk,
Daß es bald Wurzeln schlagen kann in freien Boden von Lettland!
Daß es bald Wurzeln schlagen kann in freien Boden von Lettland!

Es kam dann zu immer weiteren Demonstrationen, wie zum Beispiel am 18. November 1988 (der 18.11. ist der Unabhängigkeitstag der 1. Republik) hier beim Freiheitsmonument

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The dramatic photo taken on 18 November 1988 by Juris Kalniņš expresses the hopes and the determination of the Latvian nation at that time. The Monument of Liberty had become the focus of demonstrations already on 14 June 1987, when members of Group “Helsinki ‘86” defied authorities and laid down flowers to commemorate those deported on that day in 1941. Popular pressure forced the Communist regime in September 1988 to allow public display of formerly forbidden national symbols, including the Latvian flag. The newly founded Popular Front united Latvian patriots for political action. Only three years later, Independence day – November 18 – could again be celebrated in the internationally recognised independent state of Latvia

 

Weiter ging es dann 1989 mit der Menschenkette Via Baltica, an der auch Ursi teilnahm. Eine Menschenkette – ohne Unterbrechung – durch alle 3 baltischen Staaten mit fast 850 km Länge! Es gab dazu ein besonderes Lied in allen 3 Sprachen (Estnisch, Lettisch, Litauisch) “das Baltikum erwacht: Atmostas Baltija, Bunda Jau Baltija, Ärgake Baltimaad” ()

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Weitere Bilder findet man hier:

http://en.wikipedia.org/wiki/Baltic_Way http://www.balticway.net/index.php?page=baltic-way&hl=en

Bilder aus Litauen: http://av.lrs.lt/StartPage.aspx?CatID=23&Start=0

 

Im Jahre 1989 wurden dann zum ersten Mal wieder eine Musikgruppe von Exil-Letten “Čikāgas Piecīši” (“die Fünf aus Chicago”), die sehr populär waren, ins Land gelassen. Das Konzert war denkwürdig…

“Unsere Liebe”

und noch mehr:

Der wirkliche Höhepunkt war dann aber 1990 beim Gesangsfestival das offizielle Singen der seit 1941 verbotenen Nationalhymne – Gänsehaut pur. Fast 40.000 Menschen stehen auf und singen

Hier das Ganze nochmals aus Sicht des Chores

Leider kam es dann 1991 zum Putsch und den Barrikaden (wo Ursi auch aktiv dabei war), als Moskau nochmals mit aller Macht versuchte das Land zu besetzen und wieder zu “integrieren”. Dies endete in einem Desaster mit vielen Toten, aber auch zum Glück einem freien Lettland

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Wer sich interessiert, kann im Barrikadenmuseum viel mehr an Bildern und Dokumenten finden: http://www.barikades.lv/en/Museum/?

Zum guten Ende dann aber noch mehr wunderschöne Gänsehautmusik…

“Notre Dame de Paris” (übersetzt) – Oper 1996 von Zigmars Liepiņs mit dem Text von Kaspars Dimiters

Kategorien:Riga

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